Hinter die Kulissen geschaut

Wir heilen nur mit Liebe.....

Diesen sehr schönen Satz "Wir heilen nur mit Liebe." schrieb Überlieferungen zur Folge sehr früh der Österreicher Sigmund Freud, der "Vater" der Psychoanalyse, an seinen "Kollegen", den Schweizer Psychiater C. G. Jung. 

 

Man kann sich zunächst fragen: stimmt eigentlich dieser Satz? Wenn meine Klienten zu mir kommen, erwarten sie Liebe? Erwarten sie nicht zu Recht etwas ganz Anderes, nämlich von ihrem professionellen Gegenüber vor allem Wissen, theoretischen Hintergrund und inhaltliche Substanz, die Fähigkeit, zu helfen? 

 

Was jeder Mensch, der sich entschließt zu einer Beratung oder Therapie zu gehen erwartet, ist wahrscheinlich höchst unterschiedlich und immer - bewusst oder unbewusst, ausgesprochen oder nicht - hoch komplex. Sicher aber erwartet jeder von seinem Therapeuten, seinem Heilpraktiker Psychotherapie, seinem konkreten Berater einen professionellen Blick, moderne Methoden, mit denen er "kuriert" werden will. Und das tut er auch zu Recht, denn sonst könnte er sich ja auch seiner Mutter, seinem Vater, seiner Tante, seiner besten Freundin oder bestem Kumpel gegenübersetzen und ihr alles erzählen, von der Seele reden, was ihn bedrückt. Denn Liebe kann diese private Person uns auch geben, sogar mehr und begründeter als DAS Gegenüber, das er oder sie zu allem Übel auch noch bezahlen muss.

 

Hier greift genau der Unterschied, wie ich meine: Der professionelle Berater ist eben gerade nicht der Bekannte, das Familienmitglied oder der Freund, er ist der Fremde, der einen zunächst ganz objektiven und möglichst unvoreingenommenen Blick auf sein Gegenüber mitbringt. Er ist offen, frisch für den Anderen, seine Problematik, bereit und willens, auch die Konflikte, die Widersprüche und ja auch die Eigenheiten und ungünstigen Verhaltens- oder Denkweisen seines Gegenübers zu sehen. Er will und darf dem Klienten nicht zu Munde reden, sondern ihn zum Denken bringen, zum Finden von Alternativen, zum Reflektieren und zum In Frage stellen der Anderen und seines Selbst. Die Mutter und die Freundin sind entweder blind vor Liebe oder anderen Gefühlen und sind ja auch schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten gefühlsmäßig eng mit der anderen Person verquickt und oft Teil der gesamten Beziehungsdynamik. Der Berater will dem Klienten nicht zum Munde reden, sucht nicht die schnelle Lösung oder Schlichtung, sondern zielt auf tiefes Verstehen und Erkennen ab. Anders ist auch die Konzentration. Selbst die beste und geduldigste Freundin konzentriert sich selten länger als einige Minuten ganz und gar auf unser Problem, meist erzählt sie von ihren eigenen Erlebnissen oder denen von x, y und überhaupt schweift sie unerwartet ab, kocht doch noch mal schnell einen Kaffee, spielt am Handy oder verliert irgendwann die Lust auf das Ganze. Das professionelle Gegenüber ist nur und ausschließlich in der für die Beratung verabredeten Zeit ganz Ohr, Herz und Verstand für den Anderen, ein Brennglas, das sich möglichst durch Nichts und Niemanden ablenken lässt und sich ausschließlich dem Gegenüber und seinem Wesen widmet.

 

Das versuche ich persönlich mit dem Versuch der objektiven Betrachtung, aber auch auf der Beobachtung meiner Reaktionen auf der ganz menschlichen Ebene: wie und wodurch wirkt der Andere auf mich, was löst er in mir aus, wo und an welchen Punkten stoppt mein Gegenüber sich selbst bei der klaren Beobachtung seines Umfeldes oder seiner eigenen Person, wo sehe ich Widersprüche, wo kann ich durch Fragen präziser an heikle Punkte, die der Klient manchmal selber nicht sieht, sehen will oder kann. Neben all diesen Ansätzen und den verschiedensten Methoden dafür, sich dem tiefen Inneren der Seele, die auch gern verborgen bleiben will, zu nähern, denke ich, dass Freud zutiefst Recht hatte, wenn er sagte: Die Liebe wäre es, die letzten Endes heilt. 

 

Denn nur, wenn wir uns aufgehoben fühlen in der Gegenwart des Gegenübers, wir spüren, dass er uns "wohl" will, dass er oder sie in dem Prozess der Beratung nicht nur unser gedankliches und mit reflektierendes Gegenüber ist, unser "Kritiker", sondern AUCH und vor allem unser bester Freund an unserer Seite ist, der zutiefst nur das Beste im und für den Klienten, seine Entwicklung schürfen und fördern WILL, können wir uns öffnen, empfindlich werden, in dieser Atmosphäre uns selbst und unserem Leben und Verhalten nachspüren. Hier liegt meiner Meinung nach die eigentlich wunderbare Chance im Beratungsprozess: Ich sehe den Mensch mir gegenüber in allem, was er ist, was er denkt, was er tut, werfe mein Interesse, mein Wissen von allem eigenen Scheitern und Begrenztheiten, aber auch meine gesamte Erfahrung hinein, werte nicht, urteile nicht, aber versuche, den Prozess des Erkennens von dem, was einer ist, empfindet und sein will und kann zutiefst zu unterstützen als Mensch, als nicht nur denkendes, sondern empfindendes Wesen. Mensch trifft Mensch - nicht mehr und nicht weniger. Eröffne mir deinen Raum, ich gehe mit, folge dir, führe natürlich auch ein Stück weit und schenke dir in dieser Zeit meine Zeit, meinen Verstand, mein Herz, meine Sinne, letzten Endes also meine Liebe. Und die Liebe kann heilen, wenigstens aber lindern. Und ist dies nicht schon viel?!

 

Berlin, 23. Januar 2020

 

 

Wie lauten unsere Fragen?

Wenn meine Klienten zu mir kommen, sollen sie erst einmal erzählen dürfen, was ist bei ihnen gerade los, weshalb sind sie gekommen, an was oder wem oder welcher Situation leiden sie gerade. Was will einmal ausgesprochen, tief formuliert und ausgelotet werden. An welche Themen wollen sie einmal herangehen, ihnen nicht ausweichen? Immer, immer sind es natürlich die, die uns am oder buchstäblich auf dem Herzen liegen. 

 

Interessant für den, der zu einem Gespräch zu mir kommt und natürlich auch mich selbst ist es aber, beobachten zu können, dass dieses erste, dieses zunächst augenscheinliche Problem manchmal als Stellvertreter daherkommt. Mit der Zeit, mit mehr Vertrauen zwischen Klient und mir und während unserer gemeinsamen Arbeit und im Verlauf des heilenden Prozesses schürfen wir, also Klient und ich gemeinsam, andere und manchmal sogar viel wichtigere Probleme. Das erinnert mich manchmal an einen Grubenarbeiter, der hoffte, nur Silber zu bergen, dann aber - zu seiner Überraschung - Gold findet. Die verborgenen Schätze, tief vergrabene Probleme oder Ärgernisse, auch Verletzungen auszugraben, über sie zu sprechen, sie in neuem Licht zu betrachten, nach geänderten Positionen dazu zu suchen und zu finden, kann als eine schöne Metapher dafür gelten, was in gelingender Therapie und Gespräch geschehen kann. 

Bsp.: Ich dachte, ich leide unter Problem A und nun, und das überrascht mich selbst, merke ich, dass ich eigentlich an B oder C oder auch noch an D leide. Das Schöne und Besondere an einem intensiven Gesprächs- und Therapieprozess ist für mich, dass sich nicht nur meine Antennen für meinen Klienten, mein Gegenüber immer mehr verfeinern und auch mein Gefühl für die wahrscheinlich beste Therapieform, sondern auch der Klient selber wird feinfühliger für sich, seine Seele, seinen Geist, sein Ich und für seine Welt und für das, was er braucht, um ins Gleichgewicht zu kommen und zu bleiben.

 

Der individuell richtige Weg kann für den einen Klienten ausschließlich das Gespräch sein, der Logos, der Verstand, für den Anderen eher tief schürfende Therapieformen wie bspw. die Hypnose. Ich freue mich hier sehr, dass meine Klienten in der Regel sehr offen für meine prall gefüllte Kiste von auch praktischen Interventionen und alternativen Therapiemethoden sind, die nicht ausschließlich auf eine Methode setzen, sondern auf eine heilsame Vielfalt, die ausschließlich dem jeweiligen Klienten helfen sollen, heiler und freudiger, gestärkt und offen sein Leben zu leben.

 

Martina Strauss, 20. Mai 2019

 

Empathie: Höre nicht (NUR) auf dein Herz

Paul Bloom, Professor für Psychologie an der Yale University ist herausragender Spezialist für die Psychologie der kindlichen Entwicklung, für Sozialpsychologie und Moralpsychologie. Besonders hat er sich auch mit Empathie befasst und warnt hier vor Fallen.

 

In Interviews und seinen Veröffentlichungen zeigt Bloom auf, dass sich Empathie oft nur als schwache Richtlinie für gutes menschliches Verhalten eignet. Warum? Er hat analysiert, dass unsere Empathie für Andere oft sehr parteiisch und blind für Relationen und Zahlenverhältnisse ist. So sind wir zum Beispiel viel mehr berührt von der Nachricht, dass unser Lebenspartner oder unser Kind eine kleine Verletzung erlitten hat, als dass tausende fremde Menschen den Tod gefunden haben. Dadurch kann Empathie zu verschiedenen moralischen Fehlurteilen führen oder sogar zu Taten motivieren, bei denen anderen Menschen Unrecht geschieht. Und manche Menschen können diese wiederum ausnutzen, um Aggressionen auf andere Menschen oder gar ganze Gruppen zu wecken, etwa in der Politik. Und am Ende verlieren wir die langfristigen Kosten für Gewalt oder Krieg aus den Augen.

 

Bloom zeigt hier auf, dass Empathie ein sehr enges Gesichtsfeld hat und parteiisch ist. So sei es viel leichter, Empathie für bspw. attraktive Personen  oder bspw. Menschen aus seinem eigenen Land zu empfinden. Schwieriger ist es bei Menschen aus Staaten, die uns fern sind, die wir fürchten und als Bedrohung empfinden. Israelis zeigen wenig Empathie für Palästinenser und umgekehrt, während beide Gruppen sehr wohl Empathie für Menschen aus ihren eigenen Kreisen und Ländern empfinden. Empathie ist wie ein Scheinwerfer, den wir nur auf eine begrenzte Stelle richten. Der schmale Lichtkegel dort beleuchtet vor allem Menschen, die uns nah sind, die wir lieben. Menschen, die uns fremd sind, anders sind als wir, die wir nicht verstehen etc. bleiben dagegen im Schatten.

 

Professor Bloom rät daher, lieber nicht auf Ihr Herz zu hören, also sich nicht zu intensiv von Gefühlen wie Empathie oder Liebe leiten zu lassen. Zielführender findet er, in Kategorien von Recht, Grundsätzen, Gerechtigkeit zu denken. Das mag kalt klingen, doch fairer ist so ein Ansatz ganz sicher und erlaubt uns, die Reichweite unseres moralischen Sensors auszudehnen. Vielleicht können wir dann auch Sorge und Mitgefühl für den Bettler oder Obdachlosen in den Bahnhöfen empfinden und nicht nur für unser Kind, was heute im Kindergarten hingefallen ist. Die Herausforderung könnte sich lohnen!

 

Martina Strauss, 14. Mai 2018

 

 

"Wir sind viel Freier als andere Tiere!"

Roy F. Baumeister, amerikanischer Psychologieprofessor, forscht seit vielen Jahren über den freien Willen. Zur Zeit arbeitet er an der University of Queensland in Australien.

 

Er persönlich glaubt nicht so sehr an den freien Willen des Menschen, ist aber an der rein praktischen Seite interessiert. Im Gegensatz zu den Tieren ist nur der Mensch fähig, Entscheidungen zu treffen und sein Verhalten zu steuern. 

Er hat herausgefunden, dass Menschen, die an den freien Willen glauben, sich sozialer, moralischer und weniger aggressiv verhalten. Wenn wir glauben, dass wir Verantwortung für unser Handeln tragen, können wir es kontrollieren. 

 

Menschen, die nicht an den freien Willen glauben, neigen stärker zu Lügen, Intrigen, Betrug oder sogar Diebstahl. Sie helfen anderen Menschen ungern und wenn sie einen Fehler machen, fühlen sie sich nicht schuldig.

 

Bernhard Shaw bemerkte einmal etwas provozierend, dass die einzige Möglichkeit, sich von der Versuchung zu befreien, darin bestünde, ihr nachzugeben. Freud war da ähnlicher Meinung - er behauptete, dass unsere Triebe umso stärker würden, je mehr wir sie unterdrücken.

 

Prof. Baumeister sieht das anders. Bei Untersuchungen hat sich ein anderes Bild ergeben: Je länger wir uns einer Sache entgegenstellen, etwas vermeiden, versuchen, etwas zu vergessen, desto schwächer werden die Triebe. Nehmen wir an, dass ein süchtiger Raucher aufhören möchte, zu rauchen. Anfangs ist es sehr schwer, er denkt permanent ans Rauchen. Nach ein oder zwei Monaten zeigt sich aber, dass es schon besser wird. 

 

Ähnlich ist es, wenn wir unser Lieblingsprogramm im Fernsehen nicht mehr sehen. Nach einer gewissen Zeit stellt sich heraus, dass wir es nicht mehr so sehr vermissen. Demnach werden starke Bedürfnisse, die wir zügeln, mit der Zeit schwächer. 

 

Ist ein freier und starker Wille ein Erfolgsrezept?

 

Der freie Wille hat sich entwickelt, damit wir in einer Kultur leben und erfolgreich sein können. Die Forschung bestätigt hier, dass Menschen mit hoher Selbstkontrolle im Leben in der Tat besser zurechtkommen, mehr Erfolg bei der Arbeit und in der Schule haben, auch beliebter sind, bessere Beziehungen mit anderen Menschen pflegen und seltener Probleme mit der psychischen Gesundheit haben. Wenn wir Erfolg haben wollen, müssen wir planen und kluge Entscheidungen treffen.

 

Martina Strauss, 10. April 2018