Hinter die Kulissen geschaut

Wie lauten unsere Fragen?

Wenn meine Klienten zu mir kommen, sollen sie erst einmal erzählen dürfen, was ist bei ihnen gerade los, weshalb sind sie gekommen, an was oder wem oder welcher Situation leiden sie gerade. Was will einmal ausgesprochen, tief formuliert und ausgelotet werden. An welche Themen wollen sie einmal herangehen, ihnen nicht ausweichen? Immer, immer sind es natürlich die, die uns am oder buchstäblich auf dem Herzen liegen. 

 

Interessant für den, der zu einem Gespräch zu mir kommt und natürlich auch mich selbst ist es aber, beobachten zu können, dass dieses erste, dieses zunächst augenscheinliche Problem manchmal als Stellvertreter daherkommt. Mit der Zeit, mit mehr Vertrauen zwischen Klient und mir und während unserer gemeinsamen Arbeit und im Verlauf des heilenden Prozesses schürfen wir, also Klient und ich gemeinsam, andere und manchmal sogar viel wichtigere Probleme. Das erinnert mich manchmal an einen Grubenarbeiter, der hoffte, nur Silber zu bergen, dann aber - zu seiner Überraschung - Gold findet. Die verborgenen Schätze, tief vergrabene Probleme oder Ärgernisse, auch Verletzungen auszugraben, über sie zu sprechen, sie in neuem Licht zu betrachten, nach geänderten Positionen dazu zu suchen und zu finden, kann als eine schöne Metapher dafür gelten, was in gelingender Therapie und Gespräch geschehen kann. 

Bsp.: Ich dachte, ich leide unter Problem A und nun, und das überrascht mich selbst, merke ich, dass ich eigentlich an B oder C oder auch noch an D leide. Das Schöne und Besondere an einem intensiven Gesprächs- und Therapieprozess ist für mich, dass sich nicht nur meine Antennen für meinen Klienten, mein Gegenüber immer mehr verfeinern und auch mein Gefühl für die wahrscheinlich beste Therapieform, sondern auch der Klient selber wird feinfühliger für sich, seine Seele, seinen Geist, sein Ich und für seine Welt und für das, was er braucht, um ins Gleichgewicht zu kommen und zu bleiben.

 

Der individuell richtige Weg kann für den einen Klienten ausschließlich das Gespräch sein, der Logos, der Verstand, für den Anderen eher tief schürfende Therapieformen wie bspw. die Hypnose. Ich freue mich hier sehr, dass meine Klienten in der Regel sehr offen für meine prall gefüllte Kiste von auch praktischen Interventionen und alternativen Therapiemethoden sind, die nicht ausschließlich auf eine Methode setzen, sondern auf eine heilsame Vielfalt, die ausschließlich dem jeweiligen Klienten helfen sollen, heiler und freudiger, gestärkt und offen sein Leben zu leben.

 

Martina Strauss, 20. Mai 2019

 

Empathie: Höre nicht (NUR) auf dein Herz

Paul Bloom, Professor für Psychologie an der Yale University ist herausragender Spezialist für die Psychologie der kindlichen Entwicklung, für Sozialpsychologie und Moralpsychologie. Besonders hat er sich auch mit Empathie befasst und warnt hier vor Fallen.

 

In Interviews und seinen Veröffentlichungen zeigt Bloom auf, dass sich Empathie oft nur als schwache Richtlinie für gutes menschliches Verhalten eignet. Warum? Er hat analysiert, dass unsere Empathie für Andere oft sehr parteiisch und blind für Relationen und Zahlenverhältnisse ist. So sind wir zum Beispiel viel mehr berührt von der Nachricht, dass unser Lebenspartner oder unser Kind eine kleine Verletzung erlitten hat, als dass tausende fremde Menschen den Tod gefunden haben. Dadurch kann Empathie zu verschiedenen moralischen Fehlurteilen führen oder sogar zu Taten motivieren, bei denen anderen Menschen Unrecht geschieht. Und manche Menschen können diese wiederum ausnutzen, um Aggressionen auf andere Menschen oder gar ganze Gruppen zu wecken, etwa in der Politik. Und am Ende verlieren wir die langfristigen Kosten für Gewalt oder Krieg aus den Augen.

 

Bloom zeigt hier auf, dass Empathie ein sehr enges Gesichtsfeld hat und parteiisch ist. So sei es viel leichter, Empathie für bspw. attraktive Personen  oder bspw. Menschen aus seinem eigenen Land zu empfinden. Schwieriger ist es bei Menschen aus Staaten, die uns fern sind, die wir fürchten und als Bedrohung empfinden. Israelis zeigen wenig Empathie für Palästinenser und umgekehrt, während beide Gruppen sehr wohl Empathie für Menschen aus ihren eigenen Kreisen und Ländern empfinden. Empathie ist wie ein Scheinwerfer, den wir nur auf eine begrenzte Stelle richten. Der schmale Lichtkegel dort beleuchtet vor allem Menschen, die uns nah sind, die wir lieben. Menschen, die uns fremd sind, anders sind als wir, die wir nicht verstehen etc. bleiben dagegen im Schatten.

 

Professor Bloom rät daher, lieber nicht auf Ihr Herz zu hören, also sich nicht zu intensiv von Gefühlen wie Empathie oder Liebe leiten zu lassen. Zielführender findet er, in Kategorien von Recht, Grundsätzen, Gerechtigkeit zu denken. Das mag kalt klingen, doch fairer ist so ein Ansatz ganz sicher und erlaubt uns, die Reichweite unseres moralischen Sensors auszudehnen. Vielleicht können wir dann auch Sorge und Mitgefühl für den Bettler oder Obdachlosen in den Bahnhöfen empfinden und nicht nur für unser Kind, was heute im Kindergarten hingefallen ist. Die Herausforderung könnte sich lohnen!

 

Martina Strauss, 14. Mai 2018

 

 

"Wir sind viel Freier als andere Tiere!"

Roy F. Baumeister, amerikanischer Psychologieprofessor, forscht seit vielen Jahren über den freien Willen. Zur Zeit arbeitet er an der University of Queensland in Australien.

 

Er persönlich glaubt nicht so sehr an den freien Willen des Menschen, ist aber an der rein praktischen Seite interessiert. Im Gegensatz zu den Tieren ist nur der Mensch fähig, Entscheidungen zu treffen und sein Verhalten zu steuern. 

Er hat herausgefunden, dass Menschen, die an den freien Willen glauben, sich sozialer, moralischer und weniger aggressiv verhalten. Wenn wir glauben, dass wir Verantwortung für unser Handeln tragen, können wir es kontrollieren. 

 

Menschen, die nicht an den freien Willen glauben, neigen stärker zu Lügen, Intrigen, Betrug oder sogar Diebstahl. Sie helfen anderen Menschen ungern und wenn sie einen Fehler machen, fühlen sie sich nicht schuldig.

 

Bernhard Shaw bemerkte einmal etwas provozierend, dass die einzige Möglichkeit, sich von der Versuchung zu befreien, darin bestünde, ihr nachzugeben. Freud war da ähnlicher Meinung - er behauptete, dass unsere Triebe umso stärker würden, je mehr wir sie unterdrücken.

 

Prof. Baumeister sieht das anders. Bei Untersuchungen hat sich ein anderes Bild ergeben: Je länger wir uns einer Sache entgegenstellen, etwas vermeiden, versuchen, etwas zu vergessen, desto schwächer werden die Triebe. Nehmen wir an, dass ein süchtiger Raucher aufhören möchte, zu rauchen. Anfangs ist es sehr schwer, er denkt permanent ans Rauchen. Nach ein oder zwei Monaten zeigt sich aber, dass es schon besser wird. 

 

Ähnlich ist es, wenn wir unser Lieblingsprogramm im Fernsehen nicht mehr sehen. Nach einer gewissen Zeit stellt sich heraus, dass wir es nicht mehr so sehr vermissen. Demnach werden starke Bedürfnisse, die wir zügeln, mit der Zeit schwächer. 

 

Ist ein freier und starker Wille ein Erfolgsrezept?

 

Der freie Wille hat sich entwickelt, damit wir in einer Kultur leben und erfolgreich sein können. Die Forschung bestätigt hier, dass Menschen mit hoher Selbstkontrolle im Leben in der Tat besser zurechtkommen, mehr Erfolg bei der Arbeit und in der Schule haben, auch beliebter sind, bessere Beziehungen mit anderen Menschen pflegen und seltener Probleme mit der psychischen Gesundheit haben. Wenn wir Erfolg haben wollen, müssen wir planen und kluge Entscheidungen treffen.

 

Martina Strauss, 10. April 2018